Wenn die Musik verstummt – wird es ruhig im Städtle
Stadtkapelle Möhringen vor großen Herausforderungensforderungen
Normalerweise ist es ein fester Termin im Jahreslauf der Stadtkapelle Möhringen: Wenn am Neujahrstag die ersten Töne durchs Städtle klingen, wissen alle – das neue Jahr hat begonnen. Doch dieses Mal blieb es still. Die traditionelle musikalische Begrüßung des neuen Jahres musste erstmals abgesagt werden.
Der Grund: Die Stadtkapelle war schlicht nicht spielfähig.
Zwar zählt die Kapelle auf dem Papier noch rund 31 aktive Musikerinnen und Musiker, doch viele Register und Stimmen sind nur noch einfach besetzt. Besonders Schlagzeug sowie die Blechregister sind personell sehr dünn aufgestellt.
„Wenn dann noch jemand krankheitsbedingt oder beruflich ausfällt, ist die ganze Kapelle nicht mehr spielfähig“, erklären die Vorstände Marius Strohm und Stefan Wrobel.
„Es ist wie beim Fußball und den Positionen – es braucht eine gewisse Anzahl an Leuten auf jeder Position. Erst im Zusammenspiel entsteht ein Team.“
Ein fester Bestandteil des Möhringer Ortsbildes seit 265 Jahren
Seit nunmehr 265 Jahren gehört die Stadtkapelle fest zum Ortsbild und prägt mit ihrer Musik das gesellschaftliche Leben im Städtle. Neben dem Neujahrsspielen gestaltet sie kirchliche Anlässe wie Fronleichnam und Erstkommunion sowie städtische Veranstaltungen wie den Volkstrauertag oder Geburtstags- und Jubiläumsständchen. Musikalisch begrüßt sie den 1. Mai und zieht traditionell an Heiligabend durch Möhringen, um der Bevölkerung Weihnachtsgrüße in die Häuser zu bringen.
Darüber hinaus ist die Stadtkapelle als Zunftkapelle fester Bestandteil der Möhringer Fasnet und sorgt während der gesamten Zeit – sowohl bei auswärtigen Narrentreffen als auch vom Schmotzigen Dunnschtig bis Aschermittwoch im Ort – für musikalische Stimmung.
Auch beim Städtlefest trägt die Stadtkapelle einen großen Teil zum Gelingen bei – mit einem eigenen, großen Bewirtungsstand samt Bühne in der Mittleren Gasse. Durch das teils selbstverantwortliche Bühnenprogramm entstehen Gegenbesuche: In der Regel treten rund fünf Gastkapellen auf, deren Einladungen die Stadtkapelle im Gegenzug wahrnimmt.
Diese Gegenbesuche werden jedoch aufgrund der dünnen Besetzung zunehmend schwieriger. Viele Termine liegen an verlängerten Wochenenden oder in den Ferien, sodass nahezu die komplette Kapelle da sein müsste. Für das kommende Jahr mussten daher bereits mehrere Anfragen anderer Kapellen abgesagt werden.
Alle zwei Jahre, im Wechsel zum Städtlefest, veranstaltet die Stadtkapelle zudem ihr eigenes zweitägiges Angerfescht, das ebenfalls fest im Vereinskalender verankert ist.
Ehrenamtliche Organisation am Limit
Gerade bei diesen Festen fehlt es zunehmend an tatkräftigen, anpackenden Mitgliedern und Helfern. Planung und Organisation müssen immer genauer und aufwendiger erfolgen – getragen von immer weniger Schultern. Dabei sind diese Veranstaltungen finanziell überlebenswichtig, um die Vereinsarbeit langfristig aufrechterhalten zu können.
Engagement und Nachwuchs dringend gesucht
All dies ist inzwischen kaum noch zu stemmen. „Wir geben nicht auf und machen weiter – aber wir brauchen Unterstützung. Uns fehlt nicht die Motivation, uns fehlen schlicht die Musiker“, betont Strohm.
In den vergangenen Jahren haben viele Musiker aufgehört – alters- oder gesundheitsbedingt, wegen Beruf, Studium oder weil sie weggezogen sind. Rund zehn zusätzliche Mitspieler würden die musikalische Situation bereits deutlich entspannen.
„Es gibt durchaus gut ausgebildete Musiker im Ort – warum sie aktuell nicht Teil der Stadtkapelle sind, hat viele Gründe“, sagt Wrobel. „Viele musizieren lieber in anderen Formationen und finden dort ihre Erfüllung. Vielleicht ist jetzt aber die Zeit zum Umdenken gekommen. Immer nur den gleichen Weg zu gehen und nicht weiterzukommen, bringt niemanden voran.“
Die Absage des Neujahrsspielens sei daher bewusst ein Signal gewesen. „Das war ein Hilferuf“, so Wrobel. „Wir sind bereit, neue Wege zu gehen, Dinge anders zu machen als bisher – Auftritte und Termine zu überdenken und uns auf gesellschaftliche Veränderungen einzustellen. Dafür braucht es aber jeden Einzelnen – und ein paar mehr.“
Die Türen der Stadtkapelle stünden allen offen – egal ob für Konzertprojekte, Festzeltmusik oder den Wiedereinstieg nach längerer Pause.
Mit zusätzlichen Musikerinnen und Musikern könnten Auftritte wieder mehr Freude machen und auch in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen werden.
Nachwuchs als Schlüssel für die Zukunft
Besonders der Nachwuchs ist auf längere Sicht entscheidend für die Zukunft der Stadtkapelle. In Zusammenarbeit mit der Musikschule Tuttlingen wird eine fundierte Ausbildung an Blas- und Schlaginstrumenten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene angeboten.
„Wer Lust hat, ein Instrument zu lernen oder wieder einzusteigen, ist bei uns genau richtig und jederzeit herzlich willkommen“, sagt Wrobel.
„Unsere Proben sind nicht nur Musik, sondern Gemeinschaft – etwas, das man heute nur noch selten findet.“
Geprobt wird immer dienstags von 19:30 bis 21:30 Uhr im Probelokal ‚Alte Schule‘.
Interessierte Musikerinnen und Musiker – egal ob jung oder alt, mit oder ohne Vorkenntnisse – können sich jederzeit melden unter:
vorstand@stadtkapelle-moehringen.de
„Die Musik ist für Möhringen mehr als Unterhaltung – sie ist ein Stück Identität“, fassen die beiden Vorstände zusammen.
„Wenn die Klänge der Stadtkapelle verstummen, verliert das Städtle ein Stück seines Herzens.“

